Kalt

Es war kalt.

Ich zitterte unter meinem Kapuzenpulli, der das Einzige war, das meine Haut von der eiskalten Winterluft trennte. Dem Wind war ich entkommen und nun galt es der Kälte zu entfliehen.

Kalt, so kalt.

Meine aufgeriebene Jeans schützte meine Beine schon lange nicht mehr – sie waren taub geworden. Mit steifen Gliedern durchsuchte ich meinen Unterschlupf, eine alte Turnhalle, dem Parkett nach zu urteilen.

Kalt, es war so kalt.

Leere Bierdosen und eine Menge Plastikmüll lagen in der Halle verstreut und hießen mich willkommen. Kleine Atemwölkchen ausstoßend hob ich die Blechdosen auf, vielleicht könnte ich morgen dafür Geld bekommen.

Kalt.

Ein Schaudern ergriff mich plötzlich und ließ mich zittern. Als ich einen kurzen Moment vergaß durch den Mund zu atmen, brannte meine Nase höllisch. Ich zog meinen Kopf noch weiter ein und versuchte die Kapuze weiter ins Gesicht zu ziehen, doch die Kälte blieb. Ein Schluchzen entfuhr mit, als mir klar wurde, dass ich die Nacht nicht überleben würde. Die gerade aufgehobenen Pfanddosen ließ ich wieder fallen, ebenso wie meinen geschundenen Körper.

Und zwischen all dem Müll kam mir ein merkwürdiger Gedanke. Ich wünschte mir, als ich dem kalten Tod schon fast in die Augen sehen konnte, dass ich lieber ein junges Mädchen wäre, das gleich sterben würde. Dann hieße es morgen, oder in ein paar Wochen, wenn man meinen leblosen Körper fand, dass es ein tragischer, bedauernswerter Tod gewesen sei. Mehrere Tage lang würde man über das junge, erfrorene Mädchen spekulieren – wer sie war, woher sie kam, warum sie schon so früh sterben musste..Schlotternd zog ich meine Knie an und rollte mich zu einem Embryo zusammen.

Kalt, so kalt.

Ein Mädchen müsste man sein, ein junges. Dann würde eventuell irgendjemand ein Buch, eine kleine Geschichte über mich und meinen Tod schreiben.

Aber ich war ein Mann in den Vierzigern. Unbekannt, unrasiert, ungewaschen, unglücklich…so viele „un“-Wörter. Unwichtig. Das passte.

Morgen, wenn man meine Leiche finden würde, wäre ich nur einer von jenen Obdachlosen, die erfroren waren.

Kalt.

Und niemand würde auch nur einen Gedanken an mich verschwenden, geschweige denn eine Geschichte über mein Ende schreiben.

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