Voyeur

Endlich war sie still. Ruhe kehrte in das Haus und auch in meine Seele ein. Meine Seele, die viel zu lange auf den heutigen Tag hatte warten müssen.

Sehnsüchtig, sich vor Verlangen verzehrend, hatte ich sie stets aus der Ferne beobachtet. Erst nur nachts, wenn die Schlafzimmerlampe ihre Silhouette an die orangenen Vorhänge geworfen hatte, später dann auch tagsüber. Oft hatte ich ihr rötliches Haar über ihre Schultern fallen sehen, ihre Locken verspielt im Gehen wippend.

Jetzt konnte ich das schöne, samtweiche Haar selbst berühren, konnte Strähnen davon durch meine Finger gleiten lassen. Sanft strich ich ihr über ihre Wange, fuhr bis zum Kinn an der zartrosa Haut entlang.

Kurz hielt ich inne. War das eine Träne?

Mit dem Daumen wischte ich den salzigen Tropfen aus ihrem Gesicht und sang eine Stelle aus einem Liebeslied. Dann lachte ich.

Sie blieb still.

Mein Lachen verebbte und endete mit einem Seufzer. „Du weißt ja gar nicht, wie sehr ich dich liebe. Auch jetzt noch, in diesem Moment!“, erklärte ich den starren grünen Augen. „Es hätte nicht so kommen müssen, weißt du? Aber du wolltest mir nicht zuhören! Das gehört sich nicht! Ich wollte dir nie wehtun! Du hast MIR wehgetan!“, schrie ich inzwischen.

Stille. Auch in meinem Herzen war es still.

Daran änderten auch die Sirenen nichts, die lautstark die Polizei ankündigten. „Es heißt Lebewohl sagen“, flüsterte ich meiner Geliebten zu. Dann hauchte ich ihr einen Kuss auf die Stirn.

Als aus der Ferne jemand etwas rief und ich nicht reagierte, fiel ich. Ich fiel in ihre toten Arme und starb, so wie sie kurz zuvor, auf dem gefliesten Boden ihrer Küche.

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