Ein guter Tag

Es ist wieder einer dieser Tage, an denen nur Humor hilft, überhaupt aufzustehen.

Bevor ich mich also aus dem Bett fallen lasse, rede ich mir laut ein, dass heute ein guter Tag wird.

Ich würde einfach fröhlich sein, freundlich lächeln und über sämtliche Unannehmlichkeiten hinwegsehen.

Vielleicht wäre auch etwas Sarkasmus gut?  

Auf dem Weg ins Bad schalte ich das Radio ein – Kim Wilde macht aus dem morgendlichen Zähneputzen eine kleine Karaokeparty.

   
Heute wird ein guter Tag!

Beim Frühstücken erinnert mich die Realität daran, mich doch nochmal nach einem Minijob umzusehen.

Alle meine Freunde haben einen. Warum also ich nicht?

Müsli kauend streiche über den Handybildschirm, werde von Angeboten überschwemmt.

  
„Dolmetscher für die Sprachen Somali, Oromo und/oder Urdu gesucht“.

Ich öffne die Anzeige gar nicht erst.

  
„Kreative Unterstützung bei einem Geschenkeinpackservice“

Ich folge meinem Tagesmotto und belächel meine Unfähigkeit, einen solchen Job auszuführen.

Im Geiste male ich mir das Bewerbungsgespräch aus: „Sie wollen mit Ihrem Geschenk hervor stechen? Sie stehen auf Kubismus? Dann lassen Sie mich noch heute Ihr Geschenk einpacken!“

Weiter also zur nächsten Anzeige.

  
„MitarbeiterIn für eine Parfumerie in der Innenstadt gesucht“

Das Leben muss mich hassen. Aber ich hasse es nicht zurück. Jedenfalls nicht heute.

Ich lächel und stelle mir vor, wie ich den Kunden mit allerlei Worten die verschiedensten Parfums schmackhaft machen würde.

Ein Flacon mit Weihnachtsschleife? Na dann würde ich diesen „weihnachtlichen“ Duft empfehlen. Sämtliche Parfums für Herren hätten entweder einen „männlichen“ oder einen „sportlichen“ Geruch.

Ob es jemanden auffallen würde, dass ich selbst nicht riechen konnte?

Nächste Anzeige.

  
„Servicekraft für eine Dinnershow in Gohlis gesucht“

So langsam drohe ich mein Motto zu vergessen. Stur halte ich meine Mundwinkel oben.

„Hallo, ich möchte mich gerne für Ihren Job bewerben! Aber ich kann nicht kellnern, weil ich zittrige Hände habe. Was? Kassieren? Äh, ja, gesichtsblind bin ich auch. Aber..aber..abwaschen könnte ich! Was? Na gut..dann nicht.“

  
Ich schalte das Handy aus und räume mein Geschirr weg. Den Gedanken, ob ich überhaupt lange in einem Job überleben würde, werfe ich mit ins Abwaschwasser.

  
Heute wird ein guter Tag!

  
In Gedanken schreibe ich einen ganz ganz ehrlichen Lebenslauf, mitsamt Anschreiben.

Am Ende geht es mir richtig gut und ich spiele mit dem Gedanken, ihn einfach mal probeweise irgendwo hinzuschicken.

Vielleicht würde sich ja irgendein armer Tropf in der Personalabteilung über so eine Abwechslung freuen.

  

Die Bahnfahrt stellt mein Tagesmotto auf eine harte Probe.

Ein älterer Herr telefoniert laut fluchend mit seiner Frau, die den Schalter für den CD-Player nicht findet.

An der nächsten Station gesellt sich eine Schulklasse mit in die Bahn.

Die Frau, die mir bis eben noch unverholen auf den Handybildschirm gestarrt hatte, muss sich nun umdrehen und drückt mir ihre Tasche ins Gesicht.

Ledertaschen sind doch was Feines. Besonders nasses Leder.
Ich bleibe entspannt – heute ist ja ein guter Tag!

  

Inzwischen haben sich drei Jungen zu mir gedrängelt und schauen dem Bahnfahrer in seine Kabine.

Lauthals spekulieren sie über die Bedeutung der blinkenden Knöpfe.

Kinder sind toll. Vor allen Dingen, wenn sie neugierig sind.

Lieber Interesse an einer Straßenbahn haben, als sich gegenseitig zu beleidigen.

Das machen nämlich gerade zwei andere Jungen aus der Klasse.

  
Der Weg zur Universität verwandet sich durch den Weihnachtsmarkt in einen Hindernisparcours.

Gab es nicht mal so ein Arcade-Spiel, in dem man Hindernissen ausweichen musste?

Ich amüsiere mich, ahne die Bewegungen der Menschen vorraus und bin zur rechten Zeit da, wenn eine Lücke entsteht.
Die Treppen zum Seminarraum werden zum Frühsport. In der vierten Etage angekommen rufe ich laut „Sport frei!“

Jedenfalls in Gedanken. Ich bin ohnehin zu sehr außer Atem um herauszufinden, ob ich heute  den Mut dazu gehabt hätte.

  
Im Raum schauen mich die gesichtlosen Menschen an.  

Ich weiß, dass ich mit sechs von ihnen zusammen ein Projekt organisiere und sie schon mehrmals getroffen habe.  

Ich weiß auch, dass ich vier aus dem Kurs noch aus dem letzten Semester kenne. 

Kennen müsste.

Ich setze mich in eine komplett leere Reihe, ganz an den Rand. Wer jetzt zu mir aufrückt, muss mich ja von irgendwoher kennen. 

Das Mädchen, das in meine Richtung blickt, lächelt verlegen. Kenne ich sie?

Sie senkt den Blick und setzt sich in meine Reihe. 

Mit fünf Stühlen Abstand. 

   
Aber heute ist ein guter Tag.

Ich beschließe meine Zweifel bezüglich meines Körpergeruchs zu ignorieren.

Morgens geduscht und neue Sachen. Deo benutzt, Zähne geputzt. So wie jeden Tag.

Es muss an etwas anderem liegen.

Schon sind die Zweifel wieder da.

  
Vierzig Minuten später wird ein Mädchen hinter mir aufgerufen, dessen Name ich kenne.

Sie ist meine Partnerin bei dem Projekt und hat sich seit zwei Wochen nicht mehr gemeldet.

Ich drehe mich um und mache die Quelle der Stimme ausfindig.

Blond, Dutt und…ich drehe mich wieder um.  

Als die neunzig Minuten verstrichen sind und ich nach ihr Ausschau halte, finde ich sie nicht wieder.

„Blond und mit Dutt“ trifft auf jede Dritte im Kurs zu.

Dann eben wieder per E-Mail anfragen.

  
Im nächsten Kurs bin ich entspannter. Vorlesungen sind gut, anonym.

Während die meisten Studenten jetzt ihr Mittag auspacken, leere ich gerade meine letzte Wasserflasche. 

Kein Problem, heute ist ja ein guter Tag!

Schnell husche ich auf die Toilette und fülle zwischen niesenden und verschnupften Menschen meine Flasche auf. 

Anstecken? Ich? Mich?

Nein, nicht heute!

 
Im Hörsaal haben sich zwei Typen in meine Reihe gesellt. Sie stehen auf und lassen mich durchrutschen.

Dabei stoße ich eine ClubMate-Flasche um und finde mich plötzlich mit knallrotem Kopf wieder.

„Chill mal“, beruhigt mich der eine von ihnen.

Als sie mich außer Hörweite vermuten, sagt der Andere: „Ja, war ja auch nicht deine Flasche, Mann“

   
Die Vorlesung beginnt mit einem „Exkurs“, der einfach nicht enden will.

Ich beginne mir Randnotizen zu machen, kleine Texte zu schreiben.

Die Worte des Profs entwickeln sich zu einer Geschichte.

„Legale Ausdrucksweise, Kälberbrüten und enschumpfieren“ buhlen untereinander um meine Gunst.

Dann kommt der Begriff „Kontaktstellung“ und meine Aufmerksamkeit verabschiedet sich endgültig. 

  

„Warum sitze ich hier noch?“, fragt mein Zweifel.

„Sprachwissenschaft ist toll!“, behauptet mein Tagesmotto.

Ja. Toll.

    
Auf dem Rückweg bekomme ich eine Nachricht von einem Freund.

Morgen treffen wir uns zu einer Weihnachtsfeier auf dem Campus.

Er ist einer der wenigen Gesichter, die ich mir merken kann.

Meist.

Meist erkenne ich ihn daran, dass er auf mich zukommt und sofort zu reden anfängt.

Und er hat eine Brille.

Manchmal.

Glaube ich.

Ich werde ihn schon finden.

Auf Facebook haben ja bis jetzt nur 213 Leute zugesagt.

 

Wird schon.

 

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2 Gedanken zu “Ein guter Tag

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