(Gedanken-)Fluss

Immer, wenn meine Gedanken zu laut werden und drohen, in einem Schrei hervorzubrechen, schreibe ich sie auf. 

Voll Trauer, Sehnsucht, Hass und Schmerz lese ich dann die Worte. 

Schwarz auf Weiß. Und ich weiß, dass sie niemand je lesen darf. 

Ungesagtes, nie gelebtes. Worte, die vieles verändern könnten. 

 

Ich nehme die beschriebenen Blätter und gehe zu dem Fluss mit den alten Fabrikgebäuden. Ab und an verirren sich Jogger hierhin.

Heute bin ich allein. Allein mit meinen gebannten Gedanken. 

 

Das erste Blatt: 

Eine Liebeserklärung. Würde ich sie aussprechen, wäre das fatal. Meine Anläufe wurden belächelt, ehe ich sie gänzlich einstellte. 

Ein letztes Mal lese ich die Schrift meines Herzes, reine Gefühle, Seelenblut als Tinte. 

Es darf nicht sein. 

Ich lasse das Blatt fliegen, übergebe es dem Fluss. 

  

Das zweite Blatt: 

Voll mit Entschuldigungen, Bedauern. All‘ die Dinge, die ich anders machen würde, könnte ich nur die Zeit zurückdrehen. 

Der letzte Satz: Das Versprechen, es in Zukunft anders, besser zu machen. 

Der Fluss nimmt auch diese Gedanken in sich auf. 

 

Das dritte Blatt:

Ein langer, plötzlich entstandener Brief an mein jüngeres Ich. 

Mutmachende Worte: Halte durch! Es wird besser!  

Tröstende Worte: Es wird Menschen geben, die dich trotzdem lieben! So, wie du bist! 

Beruhigende Worte: Dein Traum wird wahr werden, du wirst schon sehen! Du wirst es schaffen und jemanden an deiner Seite haben, der mit dir kämpft, der dich versteht.

Der Wind trägt das Blatt in sein nasses Grab. 

  
Manche Worte werden nie ihre Bestimmung erfüllen dürfen.  

Das erste „Ich liebe dich“ wird eigentlich das zweite sein.  

Manche Gedanken wird nur der Fluss erfahren.  

Und für sich behalten. 

 

 

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11 Gedanken zu “(Gedanken-)Fluss

  1. Der lange Brief an dein jüngeres ICH ist wohl schon angekommen, bevor du ihn geschrieben hast. So wie du dein jüngeres ICH aus der Gegenwart beschützt hast damals, so ist es jetzt aus der Vergangenheit für dich da. Mag sein, du siehst es anders, aber es kommt am Ende aufs Gleiche raus: Wir dürfen das Kind in uns niemals aufgben oder verlieren. Bleibt euch beide treu ❤

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  2. Dann musst du unbedingt das Buch von Jostein Gaarder lesen: „2084 – Noras Welt“. Ich will nichts verraten, aber es geht um die Erde und um ein 16jähriges Mädchen, das Visionen hat und in die Zeiten wechseln kann und mit einer alten Frau spricht in der Zukunft, die sie selbst ist bzw. sein wird.

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  3. Wird natürlich von den Rezensenten auf amazon oft mit „1984“ von George Orwell verglichen, was ein Fehler ist. Orwell ist Weltliteratur und nicht zu toppen. Lass dich da nicht täuschen: Gaarder ist ein Philosoph und kann sich wunderbar einfühlen in die Welt junger Menschen. „Sophies Welt“ etwa bringt mit einfacher Sprache jungen Menschen die Welt der Philosophie dar.Gaarder ist für mich absolut gut. Ich liebe ihn. 🙂

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  4. Da bin ich mal gespannt, wer heute kommt. Wir hatten ja mal einen Engpass, wo keine Lyriker da waren und da hab ich mich selbst „geopfert“ und ihm was zugesendet für den Notfall. Aber besser wär, wenn ander kämen .. Ich bleib lieber im Hintergrund .. Dann dir einen schönen Abend .. ❤

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  5. Jetzt denk ich, dass es zum Selbstläufer wird und sich rumspricht, ansonsten muss ich wieder ein paar Lyriker ansprechen, die das Projekt noch nicht kennen. Aber ich hab auch viele angesprochen, die gar keine Lyrik schreiben, weil ich dachte, es könnten welche Lyriker lesen, die das betreffende Blog nur besuchen. Aber hab auch liebe Leute kennen gelernt, die einfach nur rezensieren, was sie lesen und da hab ich Besseres gelesen, als bei Amazon an Rezensionen manchmal zu lesen ist. Junge Leute, die erst 14 oder 15 sind schreiben wundervoll. Das hat mich ungehauen. 🙂

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