Liebstes Missverständnis #3

…oder: warum es nicht immer ein Sofa sein muss.

 

 

Winter 2016

Es ist kurz vor Weihnachten und ich bin auf dem Weg zum Tierarzt.

‚Na du‘ liegt in seiner Transportbox, dick eingewickelt in ein Handtuch, damit er keinen Zug bekommt.

„Das macht jetzt auch keinen Unterschied mehr!“,meldet sich die Vernunft.

Das Gefühl bibbert und weiß, was jetzt kommt. 

 

Der Tierarzt ist auf meinen Besuch eingestellt. Die Helferin redet mit ‚Na du‘,wie mit einem kleinen Kind.

Ihre Stimme behält sie bei, als sie mich zu trösten versucht. 

„Es ist das Beste so“, sagt mir die Vernunft.

Der Tierarzt wiederholt die Worte.

 

Ein letztes Mal streichel ich das weiche, gescheckte Fell von ‚Na du‘.

Er hat sich nie gerne streicheln lassen. Jetzt lässt er es einfach geschehen.

 

 

Auf dem Rückweg. Ich steige zu einer Schulklasse in den Bus.

Jedes Kind versucht einen Blick in die Transportbox zu erhaschen.

Sie ist leer. 

Auch meine Nachbarin treffe ich im Treppenflur. 

Sie schmunzelt in Richtung der Box.

Doch die Box ist leer. 

 

Ich schließe die Tür hinter mir und lasse den Tränen freien Lauf.

Dann gehe ich nach ‚Ey weg da‘ sehen. Sie kommt sofort zur Käfigtür und rammt mir ihren Kopf in die Handfläche.

Ich streichel sie und schluchze.

Und weil ich die letzten Nächte wach lag, um ‚Na du‘ zu pflegen, bin ich übermüdet und sage plötzlich:

„Besser, als jedes Sofa“

 

Januar 2017

Die Klausuren für dieses Semester stehen an. Ich liege auf meinem Kuschelteppich und gehe meine Karteikarten für Sprachgeschichte durch.

Ab und an setzt sich ‚Ey weg da‘ auf meinen Rücken.

Dann zwickt es plötzlich in meinem rechten Fuß. 

„Ey!“, rufe ich gespielt empört, „Weg da!“ Als ob sie auf ihren Namen hören würde, hüpft die Hasendame zu mir und den Notizen.

Ich strecke die Hand aus, doch sie ist schneller. Wieder einmal rammt sie mir ihren hellbraunen Kopf in die Handfläche.

 

So liegen wir eine Weile da.  

Auf dem Kuschelteppich. 

Ich mit meinen Karteikarten, neben mir das hellbraune Zwergkaninchen, ausgestreckt.  

Und wieder denke ich mir, dass Sofas überbewertet werden. 

  

– Teil 3/3  „Liebstes Missverständnis“ –

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Ein Gedanke zu “Liebstes Missverständnis #3

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