Wortverkäufer

Wieder eine dieser Familienfeiern, an denen zu viele Verwandte und Bekannte da sind. 

Ich hatte gerade mindestens zehn Leuten die Hand geschüttelt und ihre Namen sogleich vergessen. Einer davon mein Cousin. 

Aha, von welcher Tante? Ah, ja.

Lächeln und nicken. Nächster Schub. 

Die Begleitung einer Bekannten von wem-auch-immer kommt auf mich zu. An ihrer Hand ein kleines Mädchen im Kleid. 

Die Kleine will nicht hier sein, das sieht man ihr an. Sie kennt vermutlich noch weniger Leute, als ich. 

Die Gesellschaft nimmt auf langen Bierbänken Platz. Brunchen in einem Dorf ist eben doch etwas besonderes. 

Ich sitze neben dem kleinen Mädchen. 

Das Buffet wird eröffnet und die frisch platzierten Gäste stürmen in einer Traube auf die hergerichteten Speisen. 

Das Mädchen bleibt sitzen. Wartet. 

Wie ich. 

Es wirft mir ängstliche Seitenblicke zu. Vielleicht mehr skeptisch, als ängstlich. 

„Na?“, kann ich den Blick nicht länger ignorieren, „Wartest du auch lieber?“ 

„Hm“, nickt die Kleine, „Da sind mir gerade zu viele“ 

Ich mustere das Mädchen mit den zwei geflochtenen Zöpfen. So jung und schon menschenscheu, denke ich bei mir. 

„Dann wirst du später bestimmt niemand, der einen Beruf ‚mit Menschen‘ machen will“, entgegne ich. 

Sie schüttelt den Kopf. „Ich will später gerne etwas für Menschen tun“, erklärt sie mir, „Aber nur, wenn nicht ständig Menschen um mich herum hetzen“ 

„Verstehe“, meine ich ehrlich. Wohin es dieses Kind wohl einmal ziehen würde?

Ich gebe die Frage weiter: „Weißt du etwa schon, was du werden willst?“

Sie errötet leicht, sagt dann aber entschlossen: „Krankenschwester!“ 

„Das klingt doch gut“, will ich keiner dieser Erwachsenen sein, die Kindern viel zu früh ihre Träume rauben.  

„Und was hast du für einen Beruf?“, fragt sie mich neugierig. Ihre Scheu ist fort. 

„Ich bin Wortverkäufer“, sage ich. 

Sie grinst und fragt erneut: „Und was bist du in Wirklichkeit?“

„Wortverkäufer“, bleibe ich dabei, „Ich verkaufe Worte“

Die Kleine wird skeptisch. Die Augen beginnen zu funkeln.

„Echt?“, flüstert sie, als gegenüber von uns die ersten vollgepackten Teller gestellt werden.

„Echt“, sage ich, „Die Erwachsenen nennen es zwar anders, aber jemand der Worte verkauft, ist nunmal ein Wortverkäufer“ 

„Kann ich auch Worte kaufen?“, fragt die Kleine. 

Ich nicke, flüstere aber verschwörerisch: „Wenn du willst, schenke ich dir sogar ein paar“ 

Sie lächelt und vergisst, dass das Buffet noch auf sie wartet. 

Ich räuspere mich gespielt und merke, wie meine Gedanken für dieses Kind Gestalt annehmen. 

Plötzlich sind sie da – die Worte, die für genau dieses kleine Mädchen gemacht sind. 

„Wenn du einen Traum hast, dann musst du ihn gut festhalten“, sage ich,“Träume sind wie..“ 

Schäume„, unterbricht mich das Kind und beschwert sich, „Das kenne ich schon“  

Ich schüttel den Kopf und meine: „Ja, das sagen die meisten Erwachsenen. Aber die, die Worte bei mir kaufen, wissen es besser“

Die Miene der Kleinen hellt sich wieder auf.  

„Also“, greife ich wieder den Gedanken auf, „Träume sind wie Luftballons. Sie sind leicht und fliegen davon, wenn man sie loslässt“

„Und sie können platzen“, ergänzt meine Zuhörerin. 

„Nur, wenn du nicht gut auf deinen Luftballon aufpasst“, behalte ich das Bild bei. 

„Und wenn ich den Ballon die ganze Zeit über festhalte?“, will sie wissen. 

„Dann wirst du Krankenschwester“, lächel ich. 

Das Mädchen lächelt zurück. 

„Und?“, frage ich, „Glaubst du mir nun, dass ich Wortverkäufer bin?“ 

Sie nickt eifrig. „Du bist bestimmt reich!“, lobt sie meine Worte. 

Ich nicke und sage: „Ja, das bin ich“

  

Reich an Gedanken und Worten. 

Mein Lohn sind Freude und Glück

Und die verschiedensten Gefühle. 

Und manchmal schaue ich zu dem Luftballon

An meiner rechten Hand.

Mein Traum von einer Welt, 

In der das Wort mehr Wert hat

Und ich davon leben kann. 

 

 

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6 Gedanken zu “Wortverkäufer

  1. Aus Kinderaugen sieht man die Magie noch.
    Später dann gibt es Begriffe und Bezeichnungen,die keinen Reiz mehr haben oder Neugierde wecken.

    Ein Lehrer ist jmd, der dir etwas beibringt – warum also nicht Beibringer?
    (Ich arbeite bzw spiele gerade noch mit anderen Berufsbezeichnungen)

    Gefällt 1 Person

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