Gedankenbasar

Da stand ich nun auf einem Trödelmarkt und hielt Gedanken feil. 

Vergebens hatte ich versucht, sie zu sortieren und zu benennen. Ich kannte sie alle persönlich und hatte ihnen doch nie Namen gegeben. 

Ich fühlte mich schlecht. Vielleicht war ich auch zum Teil Schuld am Verblassen dieser einzigartigen Schätze?  

Eine Frau mit strengem Dutt musterte die Kartons, in denen die vergilbten Gedanken wie Hundewelpen um Aufmerksamkeit winselten. 

Sie hörte und sah sie nicht. Oder nicht mehr? Sie ging einfach weiter. 

Als ich nachschaute, waren alle Gedanken noch da. Eins, zwei? 

Der Gedanke, mal endlich wieder den Bruder im Ausland anzurufen, der Gedanke, einen langen Familienstreit einfach beizulegen. 

Nah aneinaneinder geschmiegt, blickten mich die Beiden an. Noch immer hoffend, von ihren Besitzern abgeholt zu werden. 

Ich wandte mich ab und zählte weiter: Drei, vier, fünf. Das waren die Reisen, die nie angetreten wurden. Schwach glänzten sie. Dabei hatte ich sie mehrmals poliert.  

„Wozu soll das gut sein?“, fragte mich ein Mann in meinem Alter. Ich verstand die Frage nicht und schwieg ihn an. 

„Das sind Gedanken“, gab ich verspätet Antwort und erhielt ein skeptisches Lächeln. 

„Wer will denn heutzutage noch an Dinge denken, die eh nichts bringen?“, entgegnete er harsch. 

Er griff in einen Karton und hielt einen schwach zuckenden Gedanken hoch. 

„Wer möchte denn schon gerne an eine verflossene Liebe denken?“, ließ der Mann den Gedanken wieder zurückfallen. 

Ich erinnerte mich an die Frau, die ihn mir mit den Worten „dieser Gedanke macht mich krank“ anvertraut hatte. 

Es steckte so viel mehr dahinter…  

„Keine verflossene Liebe“, nahm ich den Gedanken in Schutz, doch der Mann war bereits weg und in dem Karton regte sich nichts mehr. 

Dieser kleine, blasse Gedanke…er hatte seiner Besitzerin lange Schmerzen verursacht. Im Gedankenarchiv hatte ich ihn des öfteren gesehen, wartend vor der Tür, Ausschau haltend nach ihr. 

Sie war nie zurück gekommen.  

Sie hatte nie gelernt mit diesem Schmerz umzugehen, hatte ihn nur abgegeben und verdrängt. 

Ich hielt den toten Gedanken in der Hand und schaute zu, wie er sich langsam in Luft auflöste. 

Sollte mich ein Gedanke schmerzen, so würde ich mich mit ihm arrangieren und lernen, mit ihm umzugehen. 

 

Schmerz tut weh, aber er macht stärker, wenn man ihn überwinden kann. 

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4 Gedanken zu “Gedankenbasar

  1. Ich hatte Psychoanalyse nur als Nebenfach, aber habe gelernt: Eine enttäuschte Liebe ist wie ein kalter Entzug, kann auch Trauma sein, wenn man sich zu sehr auf den Partner verlassen hat und andere Dinge dadurch vernachlässigt hat. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass es Trauma IST und die Hölle auf Erden. Aber ich bin durch und werde doch nie ganz durch sein. Es bleibt immer ein Rest bis an den Rest des Lebens. Das ist der harte Preis für die Liebe, das sind die Stacheln der Rose, die einst so verführerisch und schön duftete. Ich wünsch dir Glück und Mut und Zuversicht 🙂

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  2. Liebender Herzkomaüberlebender

    Deine Opferrolle lebenslänglicher Traumatisierung
    Hat ein heilsames glückliches Ende
    So Du der ehemaligen Angebeteten vergiebst
    Und Dir dem Ihr verfallenem Hörigen verzeihst
    Was dann bleibt ist der Kompost an Erfahrung
    Bereit die Saat künftigen freilassenden Liebens
    In Ihrem Schoß wieder aufzunehemen

    dankend
    Joaquim von Herzen

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