Familienfeier: Tante Molly 

Sie ist die Einzige, die altmodisch kleine rote Rosen gekauft hatte. Jede mit einem glitzernden Schleifchen aus Geschenkband. „Hier!“, hält sie mir eine der Rosen entgegen. 

Noch nicht auf die dörflichen Sitten eingestellt, entgegne ich viel zu direkt: „Was soll ich damit?“

„Na die kannst du nachher deinem Cousin schenken“, erklärt sie und fügt noch hinzu, „Zur Jugendweihe!“

Ich schüttel den Kopf und lehne die Rose ab: „Ich hab schon eine Karte für ihn“

Während wir gemeinsam mit den Gästen auf den Einlass zur Feierlichkeit warten, versucht sie die sechs Rosen noch zu verteilen. Ohne Erfolg.

    

  

Die Feierlichkeit findet in einem Kinosaal statt. Vertrocknete Palmen mit gelben Blättern umrahmen die Bühne, ein paar Blumensträuße versuchen dekorativ zu wirken. Neben mir sitzt ein Veranstaltungsfotograf, zu meiner linken meine Tante Molly. 

„Hier stinkt’s“, flüstert sie mir zu und kramt hektisch in ihrer Tasche.

„Vergiss nicht, dein Handy leise zu stellen“, erinnere ich sie. 

Sie durchwühlt das erste der drei Fächer und wird dabei immer langsamer. Ich beobachte sie eine Weile. Sie bemerkt den Blick und hält in der Bewegung inne.

„Dein Handy wolltest du leise stellen“, wiederhole ich. Sie nimmt ohne ein Wort die Bewegung wieder auf.

Ich schaue mich um und sehe viel zu übertakelte Frauen. 

Plötzlich gluckert es von links. Tante Molly hält ein Fläschchen in der Hand. Bevor ich begreife, was der Gegenstand in Wirklichkeit ist, werde ich von dichtem Parfumnebel eingehüllt. Der Fotograf neben mir zuckt auch.

Mein fehlender Geruchsinn macht mich wieder nervös. Mein erster Gedanke: Jetzt stinke ich und weiß nicht mal wonach. Ich habe es scheinbar laut gesagt, denn hinter mir kichert ein Mann, meine Tante Molly widerspricht.

„Paperlapapp“, steckt sie das Parfum wieder weg, „Ich hab dich gar nicht getroffen. Außerdem hat das 100€ gekostet“

Ich bleibe einfach still. 

Aber nicht lange. 

„Vergiss nicht, dein Handy leise zu stellen“, erinnere ich sie, als sie ihre Tasche gerade wieder nach unten stellen will. 

    

  

Auf der Bühne tanzen Mädchen, die eigentlich schon fast jugendlich sind. Sie tragen blaue Röcke mit blauen Punkten und weiße Blusen, durch die man die BHs sehen kann.

Die erste Reihe hält rote Fächer in die Höhe und wedelt ab und an mit ihnen. Die zweite Reihe hält kleine bunte Handtaschen in den Händen und lässt sie kreisen. In der letzten Reihe öffnen sich rote Regenschirme. Mit Punkten. 

Tante Molly ist begeistert und lacht über die Schlussszene, in der alle „Shopping!“ rufen. Mir tun die Tänzerinnen etwas Leid. 

Danach sind zwei Musiker dran. Die beiden Männer albern offen herum, ehe sie die Sache hinter sich bringen. Sie singen Robby Williams‘ „I love my life“. Tante Molly versteht kein Wort. „Ich will mal was Deutsches“, nörgelt sie. 

Der Applaus fällt mäßig aus. Wahrscheinlich, weil der Rest im Saal, ebenso wie Tante Molly, kein Englisch versteht. 

  

  

Das Buffet in der hergerichteten Garage.

„Na?“, fragt sie, „Was essen wir?“ 

  

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