Charles, Annika und Melanie

In einem Plattenbau, ganz unten im Keller, zwischen gluckernden Rohren und Holzabteilen – Da sitzt Charles.

Charles ist gerade vierzehn geworden, vor seinem Geburtstag hat er Angst. Er darf Freunde einladen und will nicht. Sie würden nur kommen, um danach in der Schule schlecht über ihn zu reden. 

Die Schule. Eigentlich sollte er gerade in der Schule sein, doch er will nicht. Er kann es nicht ertragen, wie die Lehrer ihn bemitleiden und trotzdem nichts tun. Gegen Sebastian und Dennis. Und gegen die Blicke der Mädchen, deren helle Stimmen in den Pausen die dunklen Worte zu ihm herübertragen. 

In einem Plattenbau, ganz unten im Keller, zwischen gluckernden Rohren und Holzabteilen – Da sitzt Charles.  

   

In einem Supermarkt, zwischen Konservendosen und Tiefkühlpizza – Da versteckt sich Annika.

Annika ist dreiundzwanzig, sie arbeitet in einer Bank und ist zufrieden mit ihrem Leben. Doch nur eine Reihe weiter schiebt Viktor einen Einkaufswagen. Ihre Gedanken sind in jener Zeit, wo er ihr Alptraum war. 

Das ist fast fünf Jahre her, trotzdem erinnert sich ihr Körper noch genau an ihn. Die harten Worte, die Blicke, die darauffolgenden Selbstzweifel – Alles ist wieder zurück. Sie vergisst den Einkauf und erstarrt mitten im Supermarkt. 

In einem Supermarkt, zwischen Konservendosen und Tiefkühlpizza – Da versteckt sich Annika.  

    

Im Bad einer Zweiraumwohnung, auf der Kante der kleinen Badewanne – Da sitzt Melanie. 

Melanie ist sechsundzwanzig, macht gerade ein Auslandssemester und teilt sich die Wohnung mit Tine. Seit zwei Wochen wohnen sie zusammen, seit einer Woche hat Melanie Angst vor Tine. Tine schreit Melanie oft an, manchmal mit, mal ohne Grund.

Melanie würde gerne das Zimmer wechseln, aber niemand würde mit Tine für sechs Monate wohnen wollen. Durch die Badtür hört Melanie Tine wüten. Etwas wird zu Boden geworfen, es kracht laut. Melanie hat panische Angst.

Im Bad einer Zweiraumwohnung, auf der Kante der kleinen Badewanne – Da sitzt Melanie.  

   


  

  

   

  

Charles, Annika und Melanie sind nur ein paar Beispiele für Mobbing: dem Leben entnommen und leider nicht fiktiv.

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3 Gedanken zu “Charles, Annika und Melanie

  1. Eine Situation in deinem Text habe ich leider erlebt. Wenn plötzlich dises Gefühl wieder in dir aufkeimt, wo man dachte, alles Schlechte hinter sich gelassen zu haben…nur weil diese eine Person wieder auftaucht. In jenem Moment habe ich mich selbst nicht wiedererkannt.

    Leider ist er mir inzwischen noch öfter begegenet, vielleicht kann mein Körper dadurch irgendwann vergessen….

    Gefällt 1 Person

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