Maskenball – Verkleidete Worte

Ich stehe vor dem Spiegel und weiß nicht, als welche Person ich heute gehen soll. Ich sehe meine kleine Schwester Sanna wieder, nach so langer Zeit. Und ich habe Worte für sie.

Die erste Maske: Gehe ich als liebe große Schwester, die behutsam die Worte verpackt? Nein. Diesen Worten steht kein Tüll und kein glänzendes Papier.

Die zweite Maske: Sie ähnelt mir, wirkt aber älter, strenger, grauer. So könnte ich ihr die Worte darbieten, rein und unverfälscht. Aber..nein..Sanna würde sie vermutlich gar nicht erst anhören.

Die dritte Maske: Kein Ausdruck ist auf ihr zu lesen. Sanna könnte meine Tränen nicht sehen, würde meine gebrochenen Augen nicht dahinter erblicken. Komplett verschleiert und versteckt. Ich würde ihr die Worte sagen, einfach sagen, bis ich sie los bin.

Die vierte Maske: Was ist das? Mein Spiegelbild! Ich lächel traurig. Heute Abend ist gar kein Maskenball. Keine der Masken werde ich tragen, denn sie sind alle ein Teil von mir.

Die Worte sind es, die sich verkleiden. Mal sind sie sanft und verständnisvoll, dann kräftig und hart, dann wieder ruhig und besonnen.

Heute.

Heute Abend werde ich sie sehen. Ich werde ihr die Worte schenken, geben, ans Herz legen oder ihr in die Seele weinen.

Heute. Die Worte.

  

  

  

Sanna. Es ist nicht gut so.

Sannchen, so kann es nicht weitergehen!

Meine Sanna, mein Schwesterbabylein: Bitte geh diesen einen Schritt! Du weißt, ich bin da und ich gehe mit dir.

Aber lass uns gehen. 

Ich ertrage es nicht länger etwas vorzugeben, das nicht ist. 

Es ist nicht gut so.

Sannchen, so kann es nicht weitergehen.

Lass uns gehen, Hand in Hand wie früher, aber lass uns gehen.

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3 Gedanken zu “Maskenball – Verkleidete Worte

  1. Es ist Größe, die du zeigst, aber auch verständlich und es erinnert mich an meiner jüngeren Brüder, die ich nach langer Trennung bei der Beerdigung meiner Mutter auf dem Friedhof wiedertraf. Ich fuhr meinem jüngsten Bruder über die Wange und sagte ihm: „Du lebst immer in meinem Herzen“ und auch meinem anderen Bruder fuhr ich über die Wange und sagte nichts, weil die Geste ja genug sagt. Ein anderer Bruder, der kurz nach mir auf die Welt kam, ist schon früh an Krebs verstorben wie ja meine Mutter auch.

    Lange Rede kurzer Sinn: Es kam zu kurzem Kontakt, der nicht fruchtete. Wir bleiben nicht in Verbindung, die Unterschiede im Denken, die Weltbilder sind zu verschieden. Meine Brüder sind nicht authentisch, tragen Masken, möchten nach außen groß dastehen und tun alles, um den schönen Schein zu wahren: Immer einen auf dicke Hose machen. Und ich musste feststellen, dass ich mich unwohl in ihrer Nähe fühlen und habs von mir aus abgebrochen. Ich suche Herz und Seele und nicht Wohlleben und Karriere.

    Hoffe aber, bei euch Schwestern geht es besser aus und drück die Daumen 🙂

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  2. Es bleibt immer noch die Hoffnung auf Ehrlichkeit und die Familie, die man teilt.

    Vielleicht findest du ja eines Tages doch einen Spalt in den Masken und erhascht einen Blick in die echten Herzen. Darauf kann ich nur hoffen 🙂

    Das Gespräch war unheimlich, emotional und klärend. Merkwürdige Kombi, aber jetzt bin ich erleichtert

    Gefällt 1 Person

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