Opa Herberts Garten

Opa Herberts Garten war der zweite auf der rechten Seite. Ein Essigbaum mit roten weichen Zapfen wuchs über die Hecke neben dem braunen Gartentor.

Es quietschte immer ein wenig, ehe die Steinplatten des Weges die Bewegung mit einem Knirschen anhielten. 

Der Garten blühte fast das ganze Jahr über, grün war er aber immer. Als Kind war der Garten ein paradiesähnlicher Ort, denn es gab scheinbar alles, was man zum Leben brauchte.

Zwei Apfelbäume auf der Wiese, Erdbeeren in einem kleinen unscheinbaren Beet an der Grenze zum Nachbargarten, den alten Kirschbaum und einen Teich mit Fischen. Und dann war da das Gartenhaus, das ich mir oft als Wohnung vorstellte. 

Eine Küche war in einer kleinen Nische untergebracht, der Esstisch und die Eckbank nahmen den meisten Platz weg. Ein altbraunes Sofa mit rauem Stoff und orangenen Streifen benutze ich manchmal als Ort für einen Mittagsschlaf, wenn es draußen regnete.

Mit Opa Herbert war ich oft dort. Er erlaubte mir die Fische zu füttern, suchte mit mir die Frösche, die sich zwischen den Seerosen versteckten und hörte mit mir Fußball im Radio.

Ich mochte kein Fußball, aber das rauschende alte Gerät mit den großen Knöpfen. Manchmal hörten wir auch Seemannsmusik oder Schlager.

Opa Herbert war aber auch streng: Vor dem Erholen zupften wir Unkraut aus den Ritzen zwischen den Steinplatten des Weges. Ich holte oft Wasser aus der holzverkleideten Regentonne, die ich lange für einen verwunschenen Brunnen hielt. Dann goss ich die Blumen in den Töpfen, während Opa Herbert mit dem Gartenschlauch die Beete versorgte.

      

    

Heute waren wir wieder zusammen im Garten und haben ihn verabschiedet. Opa Herbert hat alles so gelassen: Das Gartenhaus mit dem altbraunen Sofa, die Regentonne, die Steinplatten, den Teich. 

Ich legte zum Abschluss meine Hand an die Rinde des großen Kirschbaums. An einigen Stellen verlor er Harz, Kirschen entdeckte ich keine zwischen den hohen Blättern. 

Möge ein Anderer, ein anderes Kind dieses verzauberte Paradies aufs Neue erkunden und pflegen.

   

   

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Ein Gedanke zu “Opa Herberts Garten

  1. Solange nur einer der Vergangenheit gedenkt, ist die Vergangenheit nicht vergangen. Solange nur einer einem Menschen gedenkt, solange ist dieser Mensch am leben, sieht durch unsere Augen, fühlt durch unsere Haut und atmet durch unsere Lungen. Zum heulen schön dein Text wieder ❤

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